Dienstag, 24. Januar 2017

Wieder im Blick: Hermann Hesse - Brückenbauer west-östlicher Spiritualität

Christoph Gellner: Hermann Hesse und die Spiritualität des Ostens. 
Düsseldorf: Patmos 2005, 269 S. --- ISBN 3-491-72491-0 
Grundlage dieser Arbeit ist die Dissertation des Verfassers, die er 1997 veröffentlichte: Weisheit, Kunst und Lebenskunst. Fernöstliche Religion und Philosophie bei Hermann Hesse und Bertolt Brecht. Wenn man darüber hinaus erfährt, dass diese Arbeit von Karl-Josef Kuschel und Hans  Küng betreut wurde, ahnt man bereits, dass diese umfassende Neubearbeitung weitere wichtige Gesichtspunkte einbezieht. Diese nehmen Inter-pretationen östlicher Spiritualität auf, wie sie Hermann Hesse (1877-1962) in den Westen "transferiert" hat.
Christoph Gellner arbeitete 2000 bis 2015 im Institut für kirchliche Weiterbildung der theologischen Fakultät, Universität Luzern. Seit 2015 ist er Leiter des Theologisch-pastoralen Bildungsinstituts der deutschschweizerischen Bistümer (TBI) in Zürich. Der Autor gehört zu Wissenschaftlern, die ihre Theologie „kontextuell" verstehen. Sie denken Literatur, Theologie und Philosophie als Grenzen überschreitend - durchaus in Richtung einer Ökumene der Religionen
Hesse, der Sohn eines „Heiden-Missionars“, gehört nicht nur zu den großen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts, sondern auch zu den Brückenbauern west-östlicher Spiritualität. Seine Erzählungen „Siddhartha" und Morgenlandfahrt" sowie sein Romane „Der Steppenwolf", und „Das Glasperlenspiel" sind in den 20er und in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts regelrechte Kultbücher gewesen. Sie signalisieren damit ein Zeitgefühl, das besonders unter dem Stichwort der „Krise“ auch für die Umbrüche im 21. Jahrhundert erhebliche Bedeutung haben dürfte.
In einem Vortrag merkte Gellner an: „Wie nicht zuletzt seine Beziehungen zu den lebens- und kulturreformerischen Suchbewegungen auf dem Monte Veritá belegen, bewegte sich Hesse im Strom einer weitverbreiteten Suche nach einer neuen Einheit von Rationalität und Mystik, welche abendländische Aktivität mit östlicher Selbsterkenntnis uns kontemplativer Versenkung verbinden sollte“.
(Tagungsprotokolle der Ev. Akademie Iserlohn zu einer Tagung mit dem Thema „Von ‚Siddharta’ zum ‚Steppenwolf’. Fremdheitserfahrung und Weltethos bei Hermann Hesse“
im November 2003, Iserlohn 2004, S. 109).
Man fühlt sich fast an Goethes Orient-„Orientierung“ erinnert, wenn man bedenkt, wie intensiv und literarisch produktiv er sich mit fernöstlicher Weisheit und Religion auseinandergesetzt hat. Allerdings hat Hesse lebenslang an den Themen Orients festgehalten, mit besonderem Blick auf Indien und China. Sorgfältig geht Gellner darum unter der Frage „Asien als Alternative?“ den Anfängen Hesses biografisch nach, um dann auf dessen Lektüre chinesischer Klassiker, aber auch auf die psychische Bedrohung und Entwicklung Hesses im Blick auf Zivilisations-Chaos und auf Befreiungsansätze von Taoismus und Psychoanalyse zu kommen. Der Weg geht jedoch weiter hin zu mystischen Grunderfahrungen im Rahmen seiner „Theanthropologie“ (S. 163ff). Immer wieder geraten dabei Ethik und Ästhetik in Spannung zueinander, bis Hesses späte Begegnung mit dem Zen heilsame „Reduktion“ und gleichzeitig Aufbruch bringt: „Offene Weite nichts ist heilig“ (S. 222).
„Sammle dich und kehre ein,
Lerne schauen, lerne lesen!
Sammle dich und Welt wird Schein.
Sammle dich und Welt wird Wesen“
(X, 394 = S. 224)
Gellner nun legt auf einen zuweilen vernachlässigten Gesichtspunkt sein besonderes Augenmerk, den er am Schluss unter der Überschrift „Westöstliche Verflechtungen: Anstiftung zum Dialog“ (S. 226ff) thematisiert und damit auf eine veränderte Situation im Blick auf die Begegnung der Religionen aufmerksam macht:
„Im Pluralismus heutiger Welterfahrung bedeutet religiös sein unausweichlich interreligiös sein. Mit der Bejahung der Pluralität der Religionen als Ausdruck von Gottes Willen gegenüber der Menschheit wird man die zwischen ihnen bestehenden inhaltlichen Differenzen und einander widerstreitenden Wahrheitsansprüche gerade nicht vernachlässigen oder gar vergleichgültigen. Auch wenn sich Hesse daran weit weniger interessiert zeigte als an ihren Religionen- und Kulturen übergreifenden Verflechtungen, wird man sich von den zukunftsweisenden Impulsen seines ökumenischen Denkens und Schreibens dennoch inspirieren lassen können“ (S. 237f). Gerade weil angesichts der vielen auch religiös motivierten Konflikte weltweit der interreligiöse Dialog politische Notwendigkeit im 21. Jahrhundert geworden ist, hat ein Vordenker wie Hermann Hesse umso mehr Gewicht, als er die Begegnung mit dem Osten als empathischer Mensch sucht, auch wenn mancher ihm allzu viel westliche Romantik unterstellen wollte. Hermann Hesse hat vorgedacht und Christoph Gellner wird in diesem Buch nicht müde darauf zu verweisen, dass der Gedanke der Komplementarität der Religionen (auch wenn er diesen Ausdruck nicht gebraucht) einen Ausweg aus den Sackgassen sich befehdender Wahrheits- und Absolutheitsansprüche bietet. Bereicherung und Ergänzung durch die Erfahrungs-traditionen des Ostens wir stehen erst am Anfang dieses Versöhnung stiftenden Lernprozesses.
Weiterführende Literatur: https://www.hermann-hesse.de/literatur
Vgl. die Kurzrezensionen bei „Perlentaucher.de“: https://www.perlentaucher.de/autor/hermann-hesse.html
Auf zwei Titel sei jedoch besonders aufmerksam gemacht. Das eine Buch ist sozusagen ein Hesse-Asien-Reader, der wichtige Schwerpunkte von Hesses dialogischem Begegnungselementen wiedergibt:             
Volker Michels (Hg.): Hermann Hesse. Blick nach dem Fernen Osten.
Erzählungen, Legenden, Gedichte und Betrachtungen.  -------------------------------- Frankfurt/M.: Suhrkamp 2002, 486 S.

Besonders beeindruckend ist ferner die Dissertation des Chinesen Zhuang Ying Chen (von 1997), der die Hinwendung Hesses zur östlichen Spiritualität mit östlichen Augen sieht und zeigt, wie selbst Missionare (und Sinologen) wie Richard Wilhelm einen Dialogprozess bei den Nachkommenden in Bewegung setzen können, um so vom immateriellen Reichtums Indiens und Chinas kulturübergreifende Impulse zu gewinnen:
Zhuan Ying Chen: Asiatisches Gedankengut im Werke Hermann Hesses. Europäische Hochschulschriften, Reihe I:
Deutsche Sprache und Literatur,
Bd. 1644. Bern u.a.: P. Lang 1997, 192 S.
Reinhard Kirste


Rz-Gellner-Hesse, 16.12.06, aktualisiert, 24.01.2017
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