Donnerstag, 22. Juni 2017

INTR°A-Tagungen seit 1990 - Dokumentation




Bis 2006 wurden wichtige Vorträge und Diskussionsergebnisse aus den Tagungen in den neun Bänden der Reihe RELIGIONEN IM GESPRÄCH
(RIG 1/1990 bis RIG 9/2006) dokumentiert.



    Übersicht der INTR°A-Tagungen 1990-2012

     Tagungsdokumentationen seit 2007

    Dokumente und Fotos im Internet abrufbar:
     

      Samstag, 17. Juni 2017

      Die islamische Vordenkerin Fatima Mernissi (aktualisiert)


      Die bedeutende marokkanische Soziologin
      Fatima Mernissi (1940-2015) 
      gehörte zu den engagierten Frauen und wichtigsten Intellektuellen in der islamischen Welt.
      Sie gehört zu den beeindruckenden Frauengestalten muslimischer Modernisierung - nicht nur in den traditionellen Gesellschaften des Maghreb, sondern generell. Dabei sind ihr die humanistischen Werte, die sie auch im Koran sah, ausgesprochen wichtig mit der Forderung nach weiterer Aktualisierung. So plädierte sie für einen Islam, der der Menschenwürde - ob Mann und Frau - die Priorität einräumt. Angesichts patriarchaler Strukturen entwickelte sie eine Art islamischen Feminismus, der auch von der europäischen Frauenbewegung beeinflusst wurde.
      Darum wehrte sich Fatima Mernissi mit Vehemenz gegen eine Koran-Auslegung, die die Männer den Frauen überordnet sowie eine islamistisch geprägte Frauenbewegung, die unter dem Label des Feminismus überholte Verhaltensmuster wieder einzuführen versucht.
      Ins Deutsche übersetzte Titel, die bereits die Denkrichtung der Autorin zeigen und ihr  islamwissenschaftliches und gesellschaftspolitisches Engagement verdeutlichen u.a.:
      • Geschlecht, Ideologie, Islam. München: Frauenbuchverlag 1987
      • Der politische Harem. Mohammed und die Frauen. Frankfurt/M.: Dagyeli 1989
      • Die Sultanin. Die Macht der Frauen in der Welt des Islam. Hamburg / Zürich: Luchterhand 1991
      • Die Angst vor der Moderne. Frauen und Männer zwischen Islam und Demokratie. Hamburg / Zürich: Luchterhand 1992
      • Die vergessene Macht. Frauen im Wandel der islamischen Welt. Berlin: Orlanda Frauenverlag 1993
      • Harem. Westliche Phantasien - östliche Wirklichkeit.
        Aus dem Englischen von Kate Reiner. Freiburg u.a.: Herder 2000/2005

      Donnerstag, 15. Juni 2017

      Rüdiger Nehberg: Gegen die weibliche Genitalverstümmelung - eine interkulturelle und interreligiöse Notwendigkeit

      Mit Aktionen zur Kunst des Überlebens unter schwierigsten Bedingungen ist er bekannt geworden: Rüdiger Nehberg (geb. 1935). Aber ihm geht es mit seinen spektakulären Aktionen um mehr, nämlich um die Menschenrechte - für bedrohte Völker und Menschen, deren Leben besonders gefährdet ist.
      Ein beeindruckendes Beispiel ist das Projekt TARGET. Hier kämpft Rüdiger Nehberg gegen die in Ägypten und am oberen Nil sowie in der südlichen Sahara seit langen Zeiten übliche Mädchenbeschneidung. Das ist eine extrem brutale Weise, die sog. Reinheit der Mädchen bis zur Ehe zu sichern. Nehberg nennt sie darum auch pharaonische Beschneidung. 
      Die Praxis der Genitalverstümmelung als Phänomen muslimischer Subkulturen hat nichts mit dem Islam zu tun, wird aber in diesen Ländern Afrikas dennoch praktiziert (übrigens auch von Christen). Diese barbarische Praxis einzudämmen bzw. zum Ende zu bringen, ist aber nur mit der Hilfe islamischer Autoritäten möglich.

      Das "Goldene Buch", Vorderseite
      Rüdiger Nehberg gelang es schließlich zusammen mit seiner Frau Annette, im Jahre 2006 eine Konferenz mit islamischen Autoritäten Nordafrikas und den Subsahara-Regionen an der berühmten Al-Azhar-Universität in Kairo zu ermöglichen. Hier wurde diese unmenschliche Praxis der Mädchenbeschneidung thematisiert und an Filmbeispielen demonstriert. Das führte dazu, dass die Al-Azhar Universität eine Fatwa gegen die Mädchenbeschneidung veröffentlichte. Ihr folgten weitere öffentlich richterliche Gutachten auf regionaler Ebene. Zugleich läuft seitdem ein überregionales Bildungsprogramm gegen die Genitalverstümmelung.
      Als weiterwirkendes Ergebnis dient das "Goldene Buch. Die große Fatwa der internationalen Rechtsgelehrten."
      Es ist respektvoll wie ein Koran gestaltet und wurde in Arabisch, Französisch, Englisch, Deutsch und in einer Reihe von Regionalsprachen sowie für Analphabeten veröffentlicht.



      Das "Goldene Buch", Rückseite

      Als praktische Umsetzung dieser Forderungen gegen die Genitalverstümmelung haben Rüdiger und Annette Nehberg in der Danakil-Wüste Äthiopiens eine Geburtshilfeklinik aufgebaut, die eine hoffnungsvolle Initiative zu einem selbstbestimmten Leben für Mädchen und junge Frauen bedeutet. 

      Weiteres zu Rüdiger Nehberg bei Wikipedia





      Verlagsneuerscheinungen in Englisch, Französisch und Spanisch

      Auswahl aus Neuerscheinungslisten von Verlagsneuerscheinungen mit englischen französischen und spanischen Büchern. Die meisten dieser Verlagshäuser sind in mehreren Ländern vertreten. Sie präsentieren ein beachtliches Angebot zu den Themen Religionen, interreligiöser Dialog, religiöser Pluralismus, Spiritualität, Theologie und Religionswissenschaft:

      Sonntag, 11. Juni 2017

      Halle/Saale: Luther heute begegnen

      (1490 in Berlin - 1545 in Mainz), verantwortlich für die Bistümer Magdeburg und Mainz, hatte sich in Halle eine neue Residenz gebaut, weil ihm Magdeburg nicht mehr gefiel.
      Der Kardinal hatte mit seiner größten Reliquiensammlung in Europa die Heiligenverehrung besonders gefördert. Dafür wurde die erzbischöfliche Stiftskirche, der "Dom", speziell für die mehr als 20.000  Reliquien umgebaut. Die äußere Architekturform erinnert nun an eine riesige "Reliquienkiste", das sog. Hallesche Heilthum.

      Der "Dom" zu Halle,
      ursprünglich die erzbischöfliche Stiftskirche
      mit der riesigen Reliquiensammlung

      Außerdem brauchte der fromme Mäzen ständig Geld für seine kirchlich hochfliegenden Pläne, so dass er auch den Ablasshandel intensiv förderte = letztlich der Auslöser der Reformation. Aber der prunksüchtige Kardinal galt zugleich als bildungsinteressiert und reformwillig. Darum hatte ihm Martin Luther auch seine 95 Thesen von 1517 bereits vor dem berühmten "Anschlag" in Wittenberg geschickt !

      Allerdings zeigte sich sehr schnell, dass der Kurfürst und Kardinal die lutherischen Angriffe auf seine religiös verbrämte hemmungslose Geldpolitik völlig inakzeptabel fand. So wurde er schließlich zum Gegner des Reformators.


      Halle: Luther und Albrecht
      Dennoch setzte Kurfürst Albrecht nicht auf Gewalt. Durch Verhandlungen mit ihm konnte die selbstbewusste Stadt Halle die lutherische Reformation endgültig einführen. Albrecht verließ darum 1541 seine Residenz, zog nach Aschaffenburg (in das dortige Schloss) und schließlich nach Mainz an seinen Bischofssitz.
      Luther besuchte die Stadt Halle mehrfach. Er setzte 1541 auch den ersten lutherischen Prediger an der Marktkirche ein, den Wittenberger Theologieprofessor Justus Jonas.


      LUTHER in HALLE


      Marktkirche Unser Lieben Frauen -
      Weitere Infos: hier 


      Lutherdenkmal an der Marktkirche



















      Lutherrose am Denkmal














      Kanzel der Marktkirche von 1541(?):
      Luther soll von ihr bereits
      gepredigt haben.

      Luther, Prophet Deutschlands,
      Ballustrade in der Marktkirche















      Justus Jonas, erster lutherischer Prediger
      an der Marktkirche

      Luther in Halle - nicht zu übersehen

      Reformationsausstellung 2017 im "Paradies-Garten"
       der Neuen Residenz -
       von Langzeitarbeitslosen gestaltet.



      Wirkungen der Reformation


      Redewendungen Luthers
      auf Rollen zum Herausnehmen













      Bildungswirkungen der Reformation



      Werte aus der Reformation entwickeln:
      Wege zur Menschlichkeit



      CC


      Samstag, 10. Juni 2017

      Musikalische Welt-Spiegelungen in der Musik eines großen Europäers: Georg Friedrich Händel

      Großfoto im Händelhaus
      Die Komponisten und Musiker des Barock waren erstaunlich weit gereiste  Persönlichkeiten - trotz der damals recht schwierigen Bedingungen. Besonders viele Welt-Erfahrungen sammelte jedoch Georg Friedrich Händel (1685-1759): Seine Kindheit und Jugend verbrachte er in der angesehenen Stadt Halle an der Saale.
      Reisen führten ihn dann an den Brandenburgischen Hof nach Berlin und in die Kulturmetropole Hamburg, wo das erste bürgerliche Opernhaus  zum großen Erfolg wurde.1705 gab es dort die Uraufführung der ersten Oper Händels "Almira".
      Seine Studienreise nach Italien dauerte vier Jahre von 1707 - 1710 mit Stationen in Florenz, Rom, Neapel und Venedig. Er traf dort u.a.: Arcangelo Corelli, Antonio Lotti, Alessandro und Domenico Scarlatti.
      Dann lebte er zeitweise in London seit 1710 und dort endgültig ab 1712 bis zu seinem Lebensende. Er wurde in der Westminster Abbey begraben. 



      Händel-Gedächtnisfeier
      in der Westminster Abbey, 1784
      (Wikipedia)
      Wie wenig die (religiöse) Konfession für Händel eine Rolle spielte, zeigen seine Kompositionen für Protestanten, Katholiken und Anglikaner. Dieselbe Offenheit zeigten aber auch seine Auftraggeber:
      "Denn obschon er [Händel] Zeit seines Lebens in seinen Werken Choralmelodien von Martin Luther zitierte, wirkte er durchaus im Dienste unterschiedlicher Kirchen und Konfessionen: Er spielte Orgel bei den Calvinisten, komponierte Kirchenmusik für lutherische Gottesdienste in Halle, für die Römisch-Katholische Kirche in Italien und die Anglikanische Kirche in England und vertonte sogar Texte des Gründers der Methodistischen Kirche Charles Wesley. Kaum ein Komponist des 18. Jahrhunderts wirkte ökumenischer als Händel."
      Erik Dremel: Reformation und Musik.
      Kirchentag auf dem Weg. 
      In: Magazin
      der Händelfestspiele
      Halle, 26.05.-11.06.2017, S. 36

      Nicht nur war Händel sehr bald zum berühmten und gefeierten Weltstar geworden, sondern seine Kompositionen spielen auch beeindruckend die Welt in ihrer Vielfalt wieder. Das gilt gerade für seine Opern und Oratorien - eine interkulturelle und interreligiöse Weltgeschichte der besonderen Art.

      Hier eine Auswahl
      mit religiösen und interkulturellen Themen


      Aus der Bibel (Oratorien) 
      (nach der zeitgeschichtlichen Linie der Bibel)
      • Joseph and his Brethren (1744): Joseph und seine Brüder (1. Mose)
      • Israel in Egypt (1739): Israel in Ägypten
        (vielleicht 12. Jh. v. Chr. - Exodus, 2. Mose 5-14)
        --- Israel in Ägypten interreligiös
      • Joshua (1748): Aus dem Buch Josua (9./10. Jh. v. Chr.)
      • Deborah (1733): Die Richterin Debora
        (Richterbuch, Kap.  4-5) - (9./10. Jh. v. Chr.)
      • Jephta (1752): Richter 10-12 (9./10. Jh. v. Chr.)
      • Saul (1739):  Der erste König Israels
        1. Samuel 18 bis 2. Samuel 1 (um 1000 v. Chr.)
      • Solomon (1749): König Salomo (um 1000 v. Chr.),
        1. Könige 1-11 und 2. Chronik 1-9
      • Samson (1743) = Simson (Richter 13-16 ) - (um 1000 v. Chr.)
      • Belshazzar (1745) = Belsazar: Kronprinz und Reichsverwalter
        im neubabylonischen Reich, 6. Jh. v. Chr. (Daniel 5 u.a.)
      • Susanna (1749): Aus dem Danielbuch (Kap. 13):
        Israel im babylonischen Exil (legendarisch 6. Jh. v. Chr.)
      • Esther / Haman and Mordecai (1720): Königin Esther (Buch Ester), legendarischer Kontext: Der persische König Ahasveros als  Xerxes I. (5. Jh. v. Chr.)
      • Judas Maccabäus (1747): Jüdischer Freiheitskämpfer, gest. 160 v. Chr.
        (Quelle: die beiden Makkabäerbücher)
      • The Messiah (1742): Der Messias (Neues Testament, Evangelien)

      Aus der Antike: Ägypten, Mittlerer Osten, Römisches Reich (Mittelmeerraum)
      (zeitlich nach der Erstaufführung geordnet)
      • Almira, Königin von Kastilien (HWV 1, Hamburg 1705)
        Historischer Hintergrund: Almira bezieht sich vielleicht auf Elvira Alfónsez (1100 - 1135), die Tochter von Alfons VI. von León-Kastilien (1040 - 1109). Sie hieß nach ihrer Konversion zum Christentum Isabel ( = Elisabeth)
        Film des Regisseurs Gérard Corbiau: Farinelli (1994):
        https://www.youtube.com/watch?v=kOMx1p7pMf4
      • Nero (Hamburg 1705): Der römische Kaiser Nero (37-68 n. Chr.).
      • Agrippina (Venedig 1709): Römisches Reich -
        Mutter von Nero (1. Jh. n. Chr.)
      • Rinaldo (London 1711): Befreiung Jerusalems
        durch die Kreuzzugsritter 11./12. Jh.)
        Rinaldo (Auszüge) mit dem Collegium 1704: ---- https://www.youtube.com/watch?v=dOeCWR_S0TE&list=PL938202B692197683
        Arie: 
        Lascia ch'io pianga (mit Cecilia Bartoli, 2009):
        Lass mich mein grausames Schicksal beweinen und seufzen um meine Freiheit  ... ---
         
        https://www.youtube.com/watch?v=vhpD5JbChPQ
      • Amadigi di Gaula (London 1715): Amadis von Gallien,
        mittelalterlicher Ritter und Held im Horizont der  Artussagen
      • Ottone, Re di Germania (London 1723): Kaiser Otto II. und die byzantinische Prinzessin Theophanu (10. Jh.) als historischer Hintergrund.
      • Giulio Cesare in Egitto (London 1724):
        Julius Cäsar in Ägypten  (48/46 v. Chr.)
      • Tamerlano (London 1724): Schlacht des Osmanensultans Bayezid I. gegen den Mongolenführer Timur Lenk (Tamerlan) und seine Gefangenschaft und
        Selbstmord im Jahre 1402
        --- Vollständige Aufführung (YouTube, etwas über 3 Stunden)
      • Berenice, regina di Egitto (London 1737): Die Ptolomäer-Pharaonin Kleopatra Berenike III. in Auseinandersetzung mit römischen Machtansprüchen (1. Jh. v. Chr.)
      •  Rodelinda, regina de Langobardi (London 1725): Die Königin der Lombardei (= der Langobarden), 7. Jh. --- Vollständige Aufführung (YouTube, etwas über 3 Stunden)
      • Publio Cornelio Scipione (London 1726): Römisches Reich Publius Cornelius Scipio Africanus Major  während des Zweiten Punischen Krieges 218–204 v. Chr.:  Eroberung von Carthago Nova ( = Cartagena) 
      • Alessandro (London 1726):
        Der Indienzug Alexanders d. Gr.: 334 - 326 v. Chr.
      • Siroe, re di Persia (London 1728): Der persische Sassanidenkönig Chosrau II. (6./7. Jh.) 
      • Ezio (London 1731): = König Attila (Etzel)
         - Sieg der Römer und Germanen gegen die Hunnen
        auf den Katalaunischen Feldern (451 n. Chr.)
      • Tolomeo, re di Egitto (London 1728): Die ägyptischen Pharaonen Ptolemäus IX. und Soter II.  2./1. Jh.  v. Chr.
        als  historischer Hintergrund der Oper.
      • Poro, re dell' Indie (London 1731): Zu Alexanders Indienzug , 4. Jh. (vgl. Alesandro)
      • Sosarme, re di Media (London 1732): Sosarme
        =  König der Meder (6. Jh. v. Chr.)
      • Arminio (London 1737): Arminius / "Hermann der Cherusker"
        und die Varusschlacht  9. n.Chr. am Teutoburger Wald.
      •  Serse (deutsch: Xerxes, London 1738):
        Der Perserkönig Ahasverus Xerxes I (ca 519-465) I.
        --- Arie:  
         Ombra mai fu aus "Serse" (Xerxes, HWV 40):
        Nie war der Schatten einer Pflanze, lieblich und angenehm, süßer ...
      • Theodora (London 1750): Christliche Märtyrergeschichte
        im Römischen Reich.

      Symbolisch-psychologische Präsentationen

      HÄNDEL in HALLE

      Händels Geburtsthaus


      Erinnerung an G.F. Händel
      Taufstein der Marktkirche
      Hier wurde Händel getauft.



      An dieser Orgel der Marktkirche spielte Händel.

      Geniale "Anschläge"

      Händeldenkmal am Markt
      mit Handschrift des "Messias"
      Händels Blick auf Kirche und Stadt

      Jedes Jahr: Händel-Festspiele

      CC