Dienstag, 28. November 2017

Khalil Gibran - Poet zwischen Orient und Okzident (aktualisiert)

  

Selbstporträt 1911
(wikipedia.en)
Der aus dem Libanon stammende
Khalil Gibran (1883-1931) gehört zu
den großen Persönlichkeiten, die Goethes
Ausspruch im West-östlichen Divan 
(Nachtrag 1825/26) bewusst gelebt haben:

                     Wer sich selbst und andre kennt, 
                     wird auch hier erkennen,
                     Orient und Occident
                     sind nicht mehr zu trennen.
                     Sinnig zwischen beiden Welten 
                     sich zu wiegen, lass ich gelten;  
                     also zwischen Ost und Westen
                     sich bewegen sei's zum Besten.


Den meisten fällt beim Namen Gibran sein berühmtes Werk "Der Prophet" ein, das 1923 in New York zum ersten Mal erschien und schnell zu einem weltweiten Kultbuch wurde. Die Auflagen in vielen Sprachen zeigen an, ,wie umfangreich und existentiel intensiv das Werk dieses Dichters ist.
Auch als Maler hinterließ er bleibende Eindrücke.  Durch sein Leben zwischen der Levante, Europa und Amerika, durch seine Poesie, seine vielen Aphorismen und unnachahmlichen Erzählungen ist er ein wichtiger Brückenbauer auch zwischen den Religionen geworden. Man denke hier nur an sein Jesus-Buch:
  • Jesus Menschensohn. Seine Worte und Taten,
    berichtet von Menschen, die Ihn kannten.

    Olten (CH): Walter 1988, 2. Aufl. ,170 S. u.ö.
    -- Drei Beispiele: hier
  • Vgl. Jean-Pierre Dahdah: Khalil Gibran. La vie inspirée de l'auteur du "Prophète" [1994]. Espaces libres. Paris: Albin Michel  2004
    Deutsch: Khalil Gibran. Eine Biographie
    .
    Düsseldorf: Patmos 1997
Weitere Informationen

  • Warten auf den Freund
    „Worauf wartest du hier am Tor?",
    fragte der Prophet den Wachposten.
    „Auf den Feind!", entgegnete dieser. „Man muss jede Stunde auf ihn gefasst sein. Vielleicht sammelt er gerade seine Mannschaften, irgendwo hinter den Bergen. Vielleicht denkt er sich in diesem Augenblick eine Kriegslist aus, um uns zu überfallen, wenn wir nicht wachsam sind, sei es am Feiertag oder in der Nacht. Wenn ich die Schilde des Feindes blinken sehe in der Ferne oder das Lärmen der Waffen höre von den Bergen her, dann muss ich schreien, bis die ganze Stadt gerüstet ist den Feind zu empfangen."
    Der Prophet schwieg und schaute lange vor sich hin. Dann sagte er:
    „Die Stadt ist gerüstet, den Feind zu empfangen. mag sein. Aber ist sie auch gerüstet einen Freund zu empfangen? Einen Retter und Helfer, der nicht gegen die Mauern anrennen will, um die Stadt zu stürmen; und der uns nicht Krieg bringt sondern Frieden?
    Ist diese Stadt auch gerüstet für einen Freund?"

    Aus: Männerarbeit der Ev. Kirche von Westfalen (Hg.): Ein Weggeleit. 
    Schwerte, Haus Villigst 2004, S. 42 

Dienstag, 21. November 2017

Musikalische Welt-Spiegelungen in der Musik eines großen Europäers: Georg Friedrich Händel (aktualisiert)

Großfoto im Händelhaus
Die Komponisten und Musiker des Barock waren erstaunlich weit gereiste  Persönlichkeiten - trotz der damals recht schwierigen Bedingungen. Besonders viele Welt-Erfahrungen sammelte jedoch Georg Friedrich Händel (1685-1759): Seine Kindheit und Jugend verbrachte er in der angesehenen Stadt Halle an der Saale.

Reisen führten ihn dann an den Brandenburgischen Hof nach Berlin und in die Kulturmetropole Hamburg, wo das erste bürgerliche Opernhaus  zum großen Erfolg wurde.1705 gab es dort die Uraufführung der ersten Oper Händels "Almira".

Seine Studienreise nach Italien dauerte vier Jahre von 1707 - 1710 mit Stationen in Florenz, Rom, Neapel und Venedig. Er traf dort u.a.: Arcangelo Corelli, Antonio Lotti, Alessandro und Domenico Scarlatti.

Dann lebte er zeitweise in London seit 1710 und dort endgültig ab 1712 bis zu seinem Lebensende. Allerdings arbeitete er zwischendurch immer wieder längere Zeit am Kurfürstenhof in Hannover. Der hochgeehrte Komponist starb am 14. April 1759 und wurde am 20. April d.J. in der Westminster Abbey begraben. 



Händel-Gedächtnisfeier
in der Westminster Abbey, 1784
(Wikipedia)
Wie wenig die (religiöse) Konfession für Händel eine Rolle spielte, zeigen seine Kompositionen für Protestanten, Katholiken und Anglikaner. Dieselbe Offenheit zeigten aber auch seine Auftraggeber:
"Denn obschon er [Händel] Zeit seines Lebens in seinen Werken Choralmelodien von Martin Luther zitierte, wirkte er durchaus im Dienste unterschiedlicher Kirchen und Konfessionen: Er spielte Orgel bei den Calvinisten, komponierte Kirchenmusik für lutherische Gottesdienste in Halle, für die Römisch-Katholische Kirche in Italien und die Anglikanische Kirche in England und vertonte sogar Texte des Gründers der Methodistischen Kirche Charles Wesley. Kaum ein Komponist des 18. Jahrhunderts wirkte ökumenischer als Händel."
Erik Dremel: Reformation und Musik.
Kirchentag auf dem Weg. 
In: Magazin
der Händelfestspiele
Halle, 26.05.-11.06.2017, S. 36

Nicht nur war Händel sehr bald zum berühmten und gefeierten Weltstar geworden, sondern seine Kompositionen spielen auch beeindruckend die Welt in ihrer Vielfalt wieder. Das gilt gerade für seine Opern und Oratorien - eine interkulturelle und interreligiöse Weltgeschichte der besonderen Art.
In manchem ähnelt ihm durchaus sein Zeitgenosse Georg Philipp Telemann.

Hier eine Auswahl
mit religiösen und interkulturellen Themen


Aus der Bibel (Oratorien) 
(nach der zeitgeschichtlichen Linie der Bibel)
  • Joseph and his Brethren (1744): Joseph und seine Brüder (1. Mose)
  • Israel in Egypt (1739): Israel in Ägypten
    (vielleicht 12. Jh. v. Chr. - Exodus, 2. Mose 5-14)
    --- Israel in Ägypten interreligiös
  • Joshua (1748): Aus dem Buch Josua (9./10. Jh. v. Chr.)
  • Deborah (1733): Die Richterin Debora
    (Richterbuch, Kap.  4-5) - (9./10. Jh. v. Chr.)
  • Jephta (1752): Richter 10-12 (9./10. Jh. v. Chr.)
  • Saul (1739):  Der erste König Israels
    1. Samuel 18 bis 2. Samuel 1 (um 1000 v. Chr.)
  • Solomon (1749): König Salomo (um 1000 v. Chr.),
    1. Könige 1-11 und 2. Chronik 1-9
  • Samson (1743) = Simson (Richter 13-16 ) - (um 1000 v. Chr.)
  • Belshazzar (1745) = Belsazar: Kronprinz und Reichsverwalter
    im neubabylonischen Reich, 6. Jh. v. Chr. (Daniel 5 u.a.)
  • Susanna (1749): Aus dem Danielbuch (Kap. 13):
    Israel im babylonischen Exil (legendarisch 6. Jh. v. Chr.)
  • Esther / Haman and Mordecai (1720): Königin Esther (Buch Ester), legendarischer Kontext: Der persische König Ahasveros als  Xerxes I. (5. Jh. v. Chr.)
  • Judas Maccabäus (1747): Jüdischer Freiheitskämpfer, gest. 160 v. Chr.
    (Quelle: die beiden Makkabäerbücher)
  • The Messiah (1742): Der Messias (Neues Testament, Evangelien)

Aus der Antike und Mittelalter:
Ägypten, Mittlerer Osten, Römisches Reich (Mittelmeerraum)

(zeitlich nach der Erstaufführung geordnet)
  • Almira, Königin von Kastilien (HWV 1, Hamburg 1705)
    Historischer Hintergrund: Almira bezieht sich vielleicht auf Elvira Alfónsez (1100 - 1135), die Tochter von Alfons VI. von León-Kastilien (1040 - 1109). Sie hieß nach ihrer Konversion zum Christentum Isabel ( = Elisabeth)
    Film des Regisseurs Gérard Corbiau: Farinelli (1994):
    https://www.youtube.com/watch?v=kOMx1p7pMf4
  • Nero (Hamburg 1705): Der römische Kaiser Nero (37-68 n. Chr.).
  • Agrippina (Venedig 1709): Römisches Reich -
    Mutter von Nero (1. Jh. n. Chr.)
  • Rinaldo (London 1711):
    Befreiung Jerusalems

    durch die Kreuzzugsritter (1. Kreuzzug: 1096-1099)--- Inhalt: 3 Akte (Opera Guide)
    --- Zusammenfassung und Hintergründe: hier (Eroica-Klassikforum)
    --- Im Grunde eine Oper gegen den Krieg und die
    Gewalt während der Kreuzzüge:

    Kommentar im Deutschlandfunk, 14.03.2003: hier
    --- Rinaldo = Reinoldus: Stadtpatron von Dortmund (WAZ 05.02.14)
    --- Wie Reinoldus nach Dortmund kam (WAZ, 02.12.2014)
  • Rinaldo (Auszüge) mit dem Collegium 1704:
     ----
     https://www.youtube.com/watch?v=dOeCWR_S0TE&list=PL938202B692197683
    Arie: 
    Lascia ch'io pianga (mit Cecilia Bartoli, 2009):
     
    https://www.youtube.com/watch?v=vhpD5JbChPQ
    Lass mich mein grausames Schicksal beweinen
    und seufzen um meine Freiheit (2x)
    und seufzen
    und seufzen um meine Freiheit.
    Lass mich mein grausames Schicksal beweinen
    und seufzen um meine Freiheit
    Möge die Trauer die Ketten zerbrechen von meinem Leiden
    Ich bete um Gnade.
    Ich bete um Gnade.
    Lass mich mein grausames Schicksal beweinen
    und seufzen für meine verlorenen Freiheit
  • Amadigi di Gaula (London 1715): Amadis von Gallien,
    mittelalterlicher Ritter und Held im Horizont der  Artussagen
  • Ottone, Re di Germania (London 1723): Kaiser Otto II. und die byzantinische Prinzessin Theophanu (10. Jh.) als historischer Hintergrund.
  • Giulio Cesare in Egitto (London 1724):
    Julius Cäsar in Ägypten  (48/46 v. Chr.)
  • Tamerlano (London 1724): Schlacht des Osmanensultans Bayezid I. gegen den Mongolenführer Timur Lenk (Tamerlan) und seine Gefangenschaft und
    Selbstmord im Jahre 1402
    --- Vollständige Aufführung (YouTube, etwas über 3 Stunden)
  • Berenice, regina di Egitto (London 1737): Die Ptolomäer-Pharaonin Kleopatra Berenike III. in Auseinandersetzung mit römischen Machtansprüchen (1. Jh. v. Chr.)
  •  Rodelinda, regina de Langobardi (London 1725): Die Königin der Lombardei (= der Langobarden), 7. Jh. --- Vollständige Aufführung (YouTube, etwas über 3 Stunden)
  • Publio Cornelio Scipione (London 1726): Römisches Reich Publius Cornelius Scipio Africanus Major  während des Zweiten Punischen Krieges 218–204 v. Chr.:  Eroberung von Carthago Nova ( = Cartagena) 
  • Alessandro (London 1726):
    Der Indienzug Alexanders d. Gr.: 334 - 326 v. Chr.
  • Siroe, re di Persia (London 1728): Der persische Sassanidenkönig Chosrau II. (6./7. Jh.) 
  • Ezio (London 1731): = König Attila (Etzel)
     - Sieg der Römer und Germanen gegen die Hunnen
    auf den Katalaunischen Feldern (451 n. Chr.)
  • Tolomeo, re di Egitto (London 1728): Die ägyptischen Pharaonen Ptolemäus IX. und Soter II.  2./1. Jh.  v. Chr.
    als  historischer Hintergrund der Oper.
  • Poro, re dell' Indie (London 1731): Zu Alexanders Indienzug , 4. Jh. (vgl. Alesandro)
  • Sosarme, re di Media (London 1732): Sosarme
    =  König der Meder (6. Jh. v. Chr.)
  • Arminio (London 1737): Arminius / "Hermann der Cherusker"
    und die Varusschlacht  9. n.Chr. am Teutoburger Wald.
  •  Serse (deutsch: Xerxes, London 1738):
    Der Perserkönig Ahasverus Xerxes I (ca 519-465) I.
    --- Arie:  
     Ombra mai fu aus "Serse" (Xerxes, HWV 40):
    Nie war der Schatten einer Pflanze, lieblich und angenehm, süßer ...
  • Theodora (London 1750): Christliche Märtyrergeschichte
    im Römischen Reich.

Symbolisch-psychologische Präsentationen

HÄNDEL in HALLE

Händels Geburtsthaus


Erinnerung an G.F. Händel
Taufstein der Marktkirche
Hier wurde Händel getauft.



An dieser Orgel der Marktkirche spielte Händel.

Geniale "Anschläge"

Händeldenkmal am Markt
mit Handschrift des "Messias"
Händels Blick auf Kirche und Stadt

Jedes Jahr: Händel-Festspiele

CC



Freitag, 17. November 2017

Telemann grenzenlos

Georg Philipp Telemann: Kupferstich
von Georg Lichtenberger (um 1745)

(Wikipedia)
Die Überschrift erinnert an ein Konzert während der Tage Alter Musik in Herne im November 2017. Der zu Unrecht im Schatten Bachs stehende Georg Philipp Telemann (geb. 1681 in Magdeburg, gest. 1767 in Hamburg) gehört nämlich zu den herausragenden Persönlichkeiten des 18. Jahrhunderts. Der 250. Todestag des Wahl-Hamburgers wurde darum in der Hansestadt gebührend bedacht.
Vgl. Bericht im NDR-Kultur (25.06.2017)

Neben der ungeheuren musikalischen Schaffenskraft und Kompositionsfülle muss aber auch seine europäische Weite erwähnt werden. In seine Musik fließen italienische und französische Elemente und viel Volksmusikalisches ein. Seine große Weltoffenheit zeigt sich bei seinen Aufenthalten in Krakau und im niederschlesischen Sorau (Zary) und Pless (Pszczyna)Polen wurde für Telemann nicht nur wegen der dortigen Beziehungen zu Frankreich wichtig, sondern auch wegen der slawischen Musik.  Seine über halbjährige Auszeit in der damaligen Musikmetropole Paris war für ihn ebenso bedeutsam wie die empathische Begegnung mit anderen (musik)-kulturellen Traditionen.

Die Lebensstationen von Georg Philipp Telemann: 
Magdeburg, Hildesheim, Leipzig, Halle, Berlin, Sorau, Eisenach, Frankfurt/Main, Gotha, Hamburg, Paris und wieder Hamburg.


Musikalische Zentren des 18Jahrhunderts in Europa: MailandWienMannheim, ParisLondon und Berlin (Universal-Lexikon)

In Paris sah er u.a. auch eine sog. Augen Orgel,
das
"Clavecin oculaire" des Jesuitenpaters Louis-Bertrand Castel (1688-1757), eines Gegners der Reformation! Die dazu gehörende Schrift veröffentlichte Telemann 1739 ! 


Auf vielfältige, oft humorvolle Weise verinnerlichte Telemann imaginierte und reale Reisen in seinen Kompositionen. Auch sein Hamburger Blumengarten ist international: Dort lässt er Hyazinthen,Tulpen, Kakteen und Aloe sprießen. Kurzum: Grenzüberschreitungen zeichnen Telemanns Charakter auf allen Ebenen aus - ein wahrhaft europäischer Geist. Hier gleicht er sehr seinem inzwischen in London beheimateten Kollegen Georg Friedrich Händel.

Vgl. den Beitrag von Wolfgang Kostujak: "Grenzüberschreitungen im Kopf".
In: WDR / Stadt Herne (Hg.): "Aufbruch!. Rebellen, Reformer und Revolutionäre in der Musik zwischen Mittelalter und Neuzeit." 42. Tage Alter Musik in Herne 2017, S. 145-150


Mehr zum vielgestaltigen Genie Telemann
in biografischen Aufzeichnungen: hier


Telemann, auf einer Bank sitzend -
Denkmal in Záry (Sorau),
Niederschlesien (Polen)

Ein besonders schönes Beispiel von Telemanns offenem interkulturellen Geist ist seine Völkersuite  "Les Nations". Hier kommen (natürlich im Geschmack der Zeit): Türken, Schweizer, Russen und Portugiesen zum Klang.

Mit der Berliner Akademie
für Alte Musik
(TWV 55:B5 / 2002, YouTube - anklicken und hören ...)

00:00 - Ouverture 06:15 - Menuet I alternativement. Menuet II 10:01 - Les Turcs 12:13 - Les Suisses 13:58 - Les Moscovites 15:32 - Les Portugais 17:17 - Les Boiteux (Die Hinkenden) 18:17 - Les Coureurs (Die Läufer)

Ein weiteres interkulturelles Beispiel: Ouverture des Nations anciens et modernes, TWV 55:G4 (YouTube : Vanni Moretto - Orchestra dei Pomeriggi Musicali di Milano - Milano, Juli 2005 1. Ouverture 2. Menuet 1&2 3. Les Allemands anciens 4. Les Allemands modernes 5. Les Suédois anciens 6. Les Suédois modernes 7. Les Danois anciens 8. Les Danois modernes 9. Les vieilles Femmes
Telemann-Konservatorium in Magdeburg



09 - 18. März 2018

Voller Poesie 
- Telemann und die Literatur


CC

Mittwoch, 1. November 2017

Martin Luther, die Reformation und ihre Folgen (aktualisiert !)

Luther vor dem Papst-Legaten Cajetan in Augsburg 1518
Kolorierter Holzschnitt,1557 (Wikipedia)
Die Veröffentlichungen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und vieler kirchlicher Einrichtungen zum Lutherjahr 2017 schwankten zwischen Jubiläumsbegeisterung und vorsichtig kritischem Bedenken. 

Im Horizont von Martin Luther wird dort zwar Wichtiges  "entdeckt", 
aber doch zu sehr "gestaunt"
und gejubelt". 

Vgl. dazu die Einangsgseite
 zum Lutherjahr: hier 

Immerhin ist die dazu gehörende Reformationsseite um eine gewisse Sachlichkeit bemüht, auch wenn wichtige andere Reformatoren neben Luther und Melanchthon nicht angesprochen werden - wie Martin Bucer in Straßburg,  Andreas Bodenstein, der Doktorvater Martin Luthers aus Karlstadt am Main, und Thomas Müntzer im Zusammenhang der Bauernkriege - ganz zu schweigen vom  "linken Flügel der Reformation" ( = die von Luther beschimpften "Schwärmer und Täufer").
Der einführende Gesamttext: hierDort heißt es darum auch etwas distanziert:

Mit „Reformation“ (lat.: Erneuerung, Wiederherstellung) wird heute eine Erneuerungsbewegung im frühen 16. Jahrhundert bezeichnet, die in Deutschland überwiegend von Martin Luther, in der Schweiz von Johannes Calvin und Huldrych Zwingli, angestoßen wurde. Der Beginn der Reformation wird allgemein auf den 31. Oktober 1517 datiert, dem Tag, an dem der Mönch Martin Luther seine 95 Thesen gegen den Missbrauch des Ablasses an die Kirchentür der Schlosskirche in Wittenberg geschlagen haben soll. Ihre Ursachen und Vorläufer reichen aber wesentlich weiter zurück. Die zunehmende Verweltlichung und der oft wenig vorbildhafte Lebenswandel hoher und niedriger Geistlicher sowie die Käuflichkeit kirchlicher Ämter verschärften den Unmut in der Bevölkerung. Der Ablasshandel, mit dessen Einnahmen der Petersdom in Rom erneuert werden sollte, gab schließlich den Anstoß zur Reformation ...Die Reformation, ursprünglich von Luther als innere Veränderung der Kirche gedacht, um zahlreiche Missstände abzubauen, führte letztendlich zu einer von Luther nicht beabsichtigten Spaltung der Kirche, aber auch einer Spaltung der deutschen Gebiete in katholische und protestantische. Die Reformation revolutionierte nicht nur Kirche und Theologie, sie setzte auch eine umfangreiche gesellschaftspolitische Entwicklung in Gang: Musik und Kunst, Wirtschaft und Soziales, Sprache sowie Recht und Politik – kaum ein Lebensbereich blieb von der Reformation unberührt. 

Lutherrose im Pflaster
 der Stadt Eisleben
Wenn man die ungeheuren Folgewirkungen bedenkt, lässt sich ohne Übertreibung sagen: Die von einer abgelegenen Universitätsstadt ausgehende Bewegung hat weltweite Folgen, und sie verändert in großer Geschwindigkeit die europäischen Gesellschaften:

Die Reformation
- eine europäische Bewegung: hier mehr 


Jubiläumskritik 
Die durch die EKD und die die meisten deutschen Landeskirchen zum Ausdruck kommende Jubiläumsmentalität hat trotz  der kirchlichen Kritik an Luthers Judenfeindschaft  und Türkenphobie  Gegentendenzen  auf den Plan gebracht.
Ein besonders herausragendes künstlerisches Beispiel war das bei den Bad Hersfelder Festspielen 2017 uraufgeführte Stück des Regisseurs  Dieter Wedel:
Buchcover: Kreuz-Verlag 2017
Zu Christoph Markschies: hier




Was bleibt
nach
dem Reformationsjubiläum?











Kommentierte Literatur- und Medienhinweise
  • Luthers sprachgewaltige
    Bibelübersetzung:
    Neues Testament deutsch 1521
    auf der Wartburg,
    erste Gesamtausgabe
    AT und NT 1534 -

    Jubiläumsausgabe 2017
    ----- München: C.H. Beck 2016, 508 S. Abb. 
    - mit weiteren Literaturhinweisen und Besprechungen
    auch zur Reformationsgeschichte in Westfalen
  • Reformation und Freiheit.
    500 Jahre Reformation 2017.
    Ein Grundlagentext des Rates der Evangelischen Kirche
    in Deutschland (EKD).
    Gütersloher Verlagshaus
    [2014], 2015, 4. Aufl. , 124 S.
  • Martin Luther 
    in Halle heute begegnen
  • Eine digitale Zeitreise: 
    Martin Luther und
    die frühe Reformation in Bayern
  • Martin Luther und Worms
  • (WDR 3, 22.01.2016)
  • (spanisch-deutsch) --- RIG 7/2002, S. 273-284 ---
  • WOLLGAST, Siegfried (Einl, Anmerkungen, Hg.):
    Zur Friedensidee in der Reformationszeit.
    Texte von Erasmus, Paracelsus, Frank.

    Berlin (DDR): Akademie-Verlag 1968
  • Martin Luther und das Judentum
    --- Martin Luther und die Juden (Wikipedia)
    Der Antisemitismus des Reformators

  • Der Antisemitismus des Reformators
    und seine Wirkung (Hagalil.com, 28.03.2017) 
  •  
     
     
     
    Frankfurt am Main: Peter Lang
    2017, 570 S.
    geb. ISBN 978-3-631-73362-2
    CHF 75 • € 60.70 • £ 50 • $ 73.95
     
     
     
    Andreas Pangritz
     
    Theologie und Antisemitismus
    Das Beispiel Martin Luthers
    Martin Luthers Judenfeindschaft ist berüchtigt. Ihr Zusammenhang mit zentralen Themen seiner Theologie ist jedoch umstritten. Die Antisemitismusforschung wiederum hat sich bisher nur wenig für theologische Wurzeln der Judenfeindschaft interessiert. Die Untersuchung führt beide Perspektiven zusammen: Luthers Schrift «Von den Juden und ihren Lügen» (1543) wird nicht nur im Blick auf die darin zum Ausdruck kommende Judenfeindschaft analysiert, sondern auch auf ihren theologischen Gehalt hin befragt. Dadurch verschärft sich das Problem: Der Antisemitismus ist im Zentrum der Theologie des Reformators verankert, in der Christologie und in der Rechtfertigungslehre. Diese Erkenntnis führt zu einer Sicht auf Luthers Theologie, in der diese selbst zum Problem wird. Andreas Pangritz ist Professor für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Theologie des 20. Jahrhunderts (Karl Barth, Dietrich Bonhoeffer, Helmut Gollwitzer und Friedrich-Wilhelm Marquardt), Theologie des christlich-jüdischen Verhältnisses. 500 Jahre Reformationsjubiläum Zum 31. Oktober 2017 stellt der Peter- Lang- Verlag eine Auswahl von aktuellen Buchtiteln zum Leben und Werk von Martin Luther vor.


    Vermarktung: Luther als Playmobil 

  •  Markus Hirte (Hg.):
    "Mit Schwert und festem Glauben.

    Martin Luther und die Hexen.
    Darmstadt: Theiss-WBG 2016, 160 S., Abb.
  • Martin Luther - Bildmaterial, Interviews, Filmausschnitte: Lutherbase
  • Andreas Bodenstein von Karlstadt: 
  • Martin Luther95 Thesen
    (31. Oktober 1517)
  • Bonn: bpb, August 2017, 24 S., Abb.
  • Andreas Venske: Die Freiheit des Wortes und das Lauffeuer der Reformation.
    Würzburg: Arena 2016 (Jugendbuch), 144 S.
  • Zwischen Reformation und Pietismus: 
Cover der Luther-Biografie
von Andreas Venske
"Altgläubige" und die gesamte reformatorische Bewegung - mit einem  linken und einem rechten Flügel - geraten gleichermaßen sehr schnell in eine Konfliktsituation, die zu militärischen Bündnissen und gewaltsamer Auseinandersetzung führen (Bauernkrieg, Schmalkaldischer Bund). 
Es entstehen lutherische und reformierte Kirchen in einzelnen Territorien Mitteleuropas,
die sich bald ebenfalls befehden.
Daneben spielen die Täuferbewegung und andere "Schwärmer" eine wichtige Rolle.
Im britischen Königreich trennen sich die Anglikaner von der katholischen Kirche. 
Die aus den großen Konfessionsgruppen ausgestoßenen Sondergemeinschaften werden entweder verfolgt oder wandern aus, besonders nach Amerika. 
Für die weitere Geschichte
bleiben scharfe Auseinandersetzungen
der unterschiedlich konfessionell geprägten Fürstentümer und Städte vorherrschend,
was schließlich zum 
Dreißigjährigen Krieg  (1618-1648) führt.


CC